Moritz Grossmann Christine Hutter im Interview

«Klein und fein bleiben»

Juli 2026. Die Manufaktur Moritz Grossmann begeht den 200. Geburtstag ihres Namensgebers. Anlass für ein Gespräch mit Christine Hutter, unter deren Leitung die Marke neu gegründet und eine eigene Manufaktur in Glashütte gebaut wurde.
Christine Hutter lässt den Namen Moritz Grossmann in Glashütte wieder aufleben. Sie leitet die Manufaktur, die nun den 200. Geburtstag ihres Gründers feiert.
Christine Hutter lässt den Namen Moritz Grossmann in Glashütte wieder aufleben. Sie leitet die Manufaktur, die nun den 200. Geburtstag ihres Gründers feiert.

ARMBANDUHREN: Frau Hutter, das Deutsche Uhrenmuseum Glashütte würdigt das Werk von Moritz Grossmann auf beeindruckende Weise. Was macht seine historische Persönlichkeit so außergewöhnlich, dass der 200. Geburtstag Anlass für eine Sonderausstellung ist?

Christine Hutter: Moritz Grossmann war eben nicht nur Uhrmacher, sondern weit mehr: Er hat Werkzeuge entwickelt und Arbeitsmethoden eingeführt, die die gesamte Uhrenfertigung seiner Zeit beeinflusst haben. Er war Gründer der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte und hat Lehrwerke aus anderen Sprachen übersetzt sowie eigene Aufsätze und Bücher geschrieben. Darunter über die „Konstruktion einer einfachen, aber mechanisch vollkommenen Uhr“.

Daraus haben wir unsere Philosophie und unseren Leitspruch abgeleitet: Die „vollkommene mechanische Uhr“ ist ebenfalls unser Anspruch. Allerdings wollen wir die Uhr nicht neu erfinden, sondern eigene Wege gehen. Ich nenne das gerne „um die Ecke denken“.

Das hört sich spannend an. Was bedeutet das für Sie konkret?

Dieser Anspruch beginnt für uns schon bei der Konstruktion der Uhrwerke. Wir haben bereits viele technische Innovationen entwickelt, für die wir mehrere Patente erhalten haben. Zu unseren eigenen Entwicklungen gehört unser Drückersystem, das den Wechsel zwischen Zeigerstellen und Aufzug bei der Krone ermöglicht. Oder der Schnellaufzug des Uhrwerks über das Drehen der Armbandbefestigung, was eine Besonderheit unserer Damenmodelle Twist darstellt.

Das sind Konstruktionen, die schlicht wirken, aber mechanisch vollkommen sind. Wir heben das durch das traditionelle Finish aller Uhrwerkskomponenten hervor, das bei uns auf höchstem Niveau erfolgt. Bei der Ausstattung zeigt sich unser Anspruch ebenfalls: Bei unseren Zeigern aus den eigenen Werkstätten oder unseren Zifferblättern, die mit traditionellen Methoden wie der Anreibeversilberung oder der Gravurtechnik Tremblage bearbeitet werden.

Die Sonderedition Hamatic Anreibeversilbert mit Weißgoldgehäuse ist auf 18 Stück limitiert und wird an einem blauen Armband aus Kudu-Leder getragen.
Die Sonderedition Hamatic Anreibeversilbert mit Weißgoldgehäuse ist auf 18 Stück limitiert und wird an einem blauen Armband aus Kudu-Leder getragen.
Die Marke Moritz Grossmann legt viel Wert auf Unabhängigkeit. Wie viel Wachstum ist damit vereinbar?

Tatsächlich ist es unser größtes Anliegen, selbständig und unabhängig arbeiten zu können. Daher wollen wir nur sehr behutsam größer werden. Mittlerweile sind in Glashütte mehr als 70 Mitarbeiter tätig. Wir können über 90 Prozent aller Uhrwerkskomponenten im eigenen Haus fertigen sowie Zeiger und einige Zifferblätter selbst herstellen.

Bei alledem wollen wir klein und fein bleiben: Unser Ziel ist es, pro Jahr maximal 800 bis 1000 Uhren zu bauen.  Doch auch dieses überschaubare Wachstum erfordert die Anpassung von Strukturen im Haus. Derzeit befinden wir uns in dieser Phase. Dabei ist es unser Ziel, den Charakter des Unternehmens und den Fokus auf unsere handwerklichen Fertigkeiten, unsere eigenen Kompetenzen und das Finish auf höchstem Niveau zu bewahren.

Im Jubiläumsmodell Tremblage Gold arbeitet feinste Mechanik der Manufaktur: das Handaufzugskaliber 100.1.
Im Jubiläumsmodell Tremblage Gold arbeitet feinste Mechanik der Manufaktur: das Handaufzugskaliber 100.1.

Wie vereinbaren Sie dabei das Handwerk mit modernen Fertigungsmethoden? Denn in der Manufaktur findet ja beides statt.

Unser Leitspruch lautet „Schönstes deutsches Handwerk“. Damit beziehen wir uns auf die traditionellen Methoden, wie sie etwa beim Finish des Uhrwerks angewandt werden. Dem werden wir in Zukunft treu bleiben. Bei Uhrenmarken, die größere Stückzahlen herstellen, geht es um Effizienz – doch das ist gar nicht unser Ziel. Wir wollen das Handwerk bewahren und damit auch das Erbe von Moritz Grossmann.

Natürlich sind wir am Puls der Zeit, wenn es um die Herstellung von Uhrwerkskomponenten geht, die mit modernen Methoden in perfekter Präzision gefertigt werden können. Das ist für unsere anspruchsvollen Werke erforderlich. Dann aber geht es nur noch um klassisches Handwerk: Wir finissieren alle unsere Uhrwerke von Hand, auch Einzelteile, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind, weil sie sich im Inneren des Uhrwerks befinden.

Wenn es um dieses Finish geht, betonen Sie immer wieder die Geschichte des Handwerks in Glashütte. Und trotz traditioneller Schliffe und Gravuren wirken die Uhrwerke sehr zeitgemäß und charakteristisch. Wie erreichen Sie diese Ästhetik?

Wir haben uns zwar entschieden, Uhrwerke in der Tradition von Moritz Grossmann beziehungsweise von Glashütte zu fertigen, sind aber dennoch ganz eigene Wege gegangen. Schließlich wollten wir keine historischen Taschenuhren imitieren, sondern Mechanik für das 21. Jahrhundert schaffen.

Die elegante Silhouette des Gehäuses wird durch das bewährte Handaufzugskaliber 102.1 möglich: Es ist lediglich vier Millimeter hoch und hat einen Durchmesser von 26 Millimetern.
Die elegante Silhouette des Gehäuses wird durch das bewährte Handaufzugskaliber 102.1 möglich: Es ist lediglich vier Millimeter hoch und hat einen Durchmesser von 26 Millimetern.

Das sieht man an vielen Details unserer Uhrwerke: Unsere transparenten Saphire als Lagersteine in erhabenen Chatons, unsere braun-violett angelassenen Schrauben, die zwei-Drittel-Platine und der verbreiterte Glashütter Streifenschliff sind unverwechselbar.

Das gilt auch für die Verwendung einer Regulierschraube, wie sie einst von Moritz Grossmann mitentwickelt wurde, anstelle einer Schwanenhals-Feinregulierung. Auf diese Weise haben unsere mechanischen Uhrwerke einen ganz eigenen Stil erhalten. Zugleich bewahren wir das Überlieferte durch unsere Handwerkskunst: Alle Inschriften auf der Platine sind von Hand gestochen – das ist absolut außergewöhnlich. Wir sind also ganz eigene Wege gegangen.

Der Anspruch, eigene Lösungen zu schaffen, gilt für Sie auch in Bezug auf technische Konstruktionen. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Errungenschaften der Manufaktur?

Es gibt mehrere Beispiele. Sie verweisen direkt auf Moritz Grossmann und zeigen, dass wir uns als Glashütter Uhrenmarke verstehen. Ich denke da an unser Uhrwerk Hamatic – ein Automatikwerk ohne Rotor. Denn wir wollten uns von anderen unterscheiden und entschieden uns für eine Konstruktion mit Pendelschwungmasse, wie sie im 19. Jahrhundert schon einmal für Taschenuhren erprobt wurde. Wir haben dieses Prinzip weiterentwickelt und mit großem Aufwand in Konstruktion, Prototypenbau und Qualitätskontrolle perfektioniert. Nun erfolgt der Aufzug durch eine hammerförmige Schwungmasse, die hin und her pendelt. Das war sehr anspruchsvoll, aber das Ergebnis überzeugt.

Offenherzig: Backpage Tremblage in einem eleganten Blauton zeigt die fein finissierte Mechanik. Das Modell erscheint als vierte Sonderedition zum 200. Geburtstag von Moritz Grossmann.
Offenherzig: Backpage Tremblage in einem eleganten Blauton zeigt die fein finissierte Mechanik. Das Modell erscheint als vierte Sonderedition zum 200. Geburtstag von Moritz Grossmann.

Wie gelingt es Ihnen, die enge Verbundenheit mit dem Uhrenstandort Glashütte zu bewahren und gleichzeitig die Besonderheiten der Marke Moritz Grossmann klar herauszuarbeiten?

Indem wir das nicht als Widerspruch begreifen. Immerhin hat Moritz Grossmann die Uhrenfertigung in Glashütte wesentlich beeinflusst. Wir fühlen uns als starke deutsche Marke und gehen unseren eigenen Weg, indem wir uns an dem Anspruch von Moritz Grossmann, seiner Aufmerksamkeit für Details und seiner Art zu denken orientieren.

Sie erkennen das an unseren Uhrwerken, die wir auf höchstem Niveau veredeln und damit seine Ansprüche umsetzen. Das ist keine Imitation seines Schaffens, sondern unsere innovative Weiterentwicklung für das 21. Jahrhundert. Ein weiterer Beleg sind Details wie die von uns selbst gefertigten Zeiger. Schon Moritz Grossmann selbst hat für seine Taschenuhren die feinsten Zeiger genutzt. Das tun wir heute auch und das wurde zu einem unserer Markenzeichen.

Seit der Wiedergründung der Marke Moritz Grossmann und der Eröffnung der Manufaktur sind noch nicht einmal 20 Jahre vergangen. In solch kurzer Zeit haben Sie Bemerkenswertes erreicht. Wie blicken Sammler heute auf Ihre Uhren?

Uhrenliebhaber und Sammler wissen um ihre Besonderheit, selbst wenn der Name der Manufaktur der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt ist. Obwohl wir als Firma noch sehr jung sind, erhalten wir eine wachsende Anerkennung, die sich etwa bei Auktionen oder Initiativen wie der Charity-Auktion Only Watch zeigt. Uhren von Moritz Grossmann werden definitiv nicht unter Wert verkauft – die Anerkennung von Sammlern ist unverkennbar.

Christine Hutter, Geschäftsführerin Grossmann GmbH, bei der Eröffnung der Foyer-Ausstellung im Deutschen Uhrenmuseum Glashütte mit Museumsleiter Ulf Molzahn. Foto: Holm Helis
Christine Hutter, Geschäftsführerin Grossmann GmbH, bei der Eröffnung der Foyer-Ausstellung im Deutschen Uhrenmuseum Glashütte mit Museumsleiter Ulf Molzahn. Foto: Holm Helis

Das Deutsche Uhrenmuseum in Glashütte würdigt Moritz Grossmann mit einer Sonderausstellung, die bis Mai 2027 gezeigt wird. Wie feiern Sie den Geburtstag Ihres Gründers?

Mit einer Reihe außergewöhnlicher Uhren. Die erste wurde am Geburtstag von Moritz Grossmann, am 27. März, vorgestellt. Wir präsentieren das ganze Jahr über weitere Uhren. Seien Sie gespannt.

Das Interview führte Iris Wimmer-Olbort

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