Interview mit Franco Ziviani, Chairman Gerald Charles

«Sein Erbe ist unsere Verpflichtung»

Oktober 2026. Ein unverkennbares Design, anspruchsvolle Komplikationen und eine klare Grenze für das Wachstum: Bei Gerald Charles haben Chairman Franco Ziviani und sein Sohn Federico viel vor. Wie sie das gestalterische Erbe Gérald Gentas weiterführen, erzählt Franco Ziviani im Interview.
Franco Ziviani Chairman der Uhrenmarke Gerald Charles.
Franco Ziviani Chairman der Uhrenmarke Gerald Charles.

ARMBANDUHREN: Herr Ziviani, Gerald Charles hat sich in den vergangenen Jahren neu aufgestellt. Wo steht die Marke heute?

Franco Ziviani: Wir haben heute 110 Verkaufsstellen und betreuen den Vertrieb weltweit direkt. Eine Ausnahme ist Japan. Dort arbeiten wir mit einem Vertriebspartner zusammen, den ich seit meiner Zeit bei Audemars Piguet kenne. In den USA haben wir eine eigene Tochtergesellschaft. Europa und Asien betreuen wir über die jeweiligen Gebietsverantwortlichen. Unsere Produktion liegt derzeit bei 1500 Uhren im Jahr.

Welche Größenordnung streben Sie langfristig an?

Wir wollen keine 20.000 Uhren produzieren. Unsere Obergrenze liegt bei 3000 Stück. Unsere Vorstellung ist, davon 2000 Herrenuhren und 1000 Damenuhren zu fertigen. Im Bereich der Damenuhren sehen wir eine große Chance.

Damenuhren sollen also einen wichtigen Beitrag zum Wachstum leisten. Was planen Sie nach dem Start der Mini Maestro?

Die Mini Maestro ist ein großer Erfolg. Sie hat das charakteristische Maestro-Gehäuse und ist sofort wiederzuerkennen. Im kommenden Jahr wollen wir die Kollektion erweitern: mit neuen Zifferblättern, einem Metallarmband und einer Goldausführung. Außerdem sollen neue Markenbotschafterinnen dazukommen. Für diesen Bereich ist das wichtig.

Zierliche Damenuhr in Rosatönen: Die 2026 vorgestellte Mini Maestro Pink von Gerald Charles kombiniert ein diamantbesetztes Titangehäuse mit einem pinkfarbenen Armband. Im Inneren arbeitet ein Quarzwerk.
Zierliche Damenuhr in Rosatönen: Die 2026 vorgestellte Mini Maestro Pink von Gerald Charles kombiniert ein diamantbesetztes Titangehäuse mit einem pinkfarbenen Armband. Im Inneren arbeitet ein Quarzwerk.

Sie bringen jahrzehntelange Erfahrung in der Uhrenbranche mit. Worauf kommt es an, damit eine Uhrenkollektion erfolgreich bleibt?

Nach mehr als 40 Jahren in dieser Branche bin ich überzeugt: Jedes Produkt hat eine Preisobergrenze. Überschreitet man sie, macht man das Produkt kaputt. Entweder lässt es sich kaum noch verkaufen, oder es wird nur noch mit 30 Prozent Rabatt verkauft. Wir versuchen, den richtigen Preis zu finden. Aber am Ende entscheiden die Kunden.

Welche nächsten Schritte planen Sie bei den Herrenuhren und den Komplikationen?

Wir bleiben der Philosophie Gérald Gentas treu. Dazu gehören zum Beispiel Zifferblätter aus Stein, mit denen wir viel arbeiten. Im vergangenen Jahr haben wir eine Neuinterpretation der springenden Stunde mit einem Steinzifferblatt vorgestellt. Wenn man die alte und die neue Uhr vergleicht, erkennt man die Verbindung sofort. Wir respektieren Géralds Idee und seine Gestaltung, setzen sie aber zeitgemäßer und weniger wuchtig um. Außerdem haben wir ein Tourbillon.

Bis 2030 wollen wir, je nach Entwicklungsaufwand des jeweiligen Uhrwerks, alle ein bis zwei Jahre eine neue Komplikation vorstellen. Idealerweise kommen wir 2030 oder 2031 zu einer Minutenrepetition. Damit führen wir dieses Erbe konsequent weiter.

Einen dieser Schritte tragen Sie selbst am Handgelenk: einen ewigen Kalender. Was war bei der Entwicklung dieser Uhr besonders wichtig?

Komplizierte Uhrmacherkunst: Links Masterlink Perpetual Calendar Sapphire Dial von Gerald Charles mit Titangehäuse und transparentem Zifferblatt. Rechts Masterlink Perpetual Calendar Fumé Dial von Gerald Charles, ebenfalls mit Titangehäuse. Das eigens entwickelte Automatikkaliber mit Mikrorotor steuert einen ewigen Kalender mit Mondphasenanzeige.
Komplizierte Uhrmacherkunst: Links Masterlink Perpetual Calendar Sapphire Dial von Gerald Charles mit Titangehäuse und transparentem Zifferblatt. Rechts Masterlink Perpetual Calendar Fumé Dial von Gerald Charles, ebenfalls mit Titangehäuse. Das eigens entwickelte Automatikkaliber mit Mikrorotor steuert einen ewigen Kalender mit Mondphasenanzeige.

Sie hatte bei Watches and Wonders großen Erfolg. Es ist unsere erste Uhr mit einem eigenen Uhrwerk. Uns war wichtig, auf dem Zifferblatt nicht einfach vier Hilfszifferblätter unterzubringen und die Uhr schlank zu halten. Gemeinsam mit unserem Kreativdirektor Octavio Garcia entwickelten wir eine Lösung, bei der das gut ablesbare Großdatum in die Mondphasenanzeige integriert ist.

Auch die Einstellung war uns wichtig. Bei einem ewigen Kalender kann es leicht passieren, dass man beim Einstellen einer Anzeige unbeabsichtigt eine andere verändert. Bei unserem Modell lassen sich die Anzeigen nun über vier Korrektoren direkt einstellen.

Die Gestaltung des Uhrwerks geht über die klassische Dekoration hinaus. Welche Geschichte erzählt das?

Es ist eine Hommage an Genf. Wir haben den Stadtplan rund um unser Atelier als Ausgangspunkt genommen und dessen Linien in die Gestaltung übernommen. Man erkennt die Rue du Mont-Blanc, den Standort unseres Ateliers, den See und den Springbrunnen. Auch die Genfer Streifen sind Teil dieser Gestaltung.

Bei Ihren aktuellen Uhren greifen Sie immer wieder auf Entwürfe Gérald Gentas zurück. Woher stammt die Idee für das integrierte Armband?

Das wurde von Gérald 2007 so entworfen. Davon haben wir auch ein Bild. Damals verkaufte Gerald Charles eine vollständig mit Diamanten besetzte Uhr an den Sultan von Brunei. Dieser Entwurf war auch eine Inspiration für die Masterlink. Für mich gehört diese Uhr gestalterisch in eine Reihe mit Royal Oak und Nautilus. Man erkennt dieselbe Handschrift.

Sie sprechen von Gérald Genta mit großer persönlicher Nähe. Gehen wir zurück an den Anfang: Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Damals hatte ich eine Marketingagentur und organisierte in Italien eine große Veranstaltung für führende Uhrenunternehmen. Das war mein erster enger Kontakt mit dieser faszinierenden Welt. Dort lernte ich auch Gérald kennen. Am Ende der Veranstaltung kam er zu mir und sagte: «Du bist jung, du bist klug, und du hast das alles hervorragend organisiert. Ich habe einen Vertriebspartner in Italien, aber wir brauchen jemanden, der sich hier um das Marketing kümmert.» So hat es angefangen.

Welche Aufgaben übernahmen Sie zunächst für seine Marke Gérald Genta?

Ich arbeitete mit dem italienischen Vertriebspartner zusammen. Ich brachte unter anderem den ewigen Kalender und die Gefica Safari der Marke Gérald Genta auf den italienischen Markt – diese markante Uhr mit einem Kompass in der Armbandschließe. Nach zwei Jahren entschied sich der Vertriebspartner, mit Audemars Piguet zu arbeiten. Ich fragte Gérald: «Was soll ich tun?» Er sagte: «Geh zu Audemars Piguet. Das ist eine gute Chance für dich, du bist jung.»

Genta ermutigte Sie also zum Wechsel. Wie entwickelte sich Ihre Laufbahn bei Audemars Piguet, und wie blieb Ihre Freundschaft bestehen?

Sportlich in Türkis: Die auf 100 Exemplare limitierte Maestro GC Sport Tennis Light Turquoise von Gerald Charles besitzt ein besonders leichtes Titangehäuse mit Darkblast-Finish und ein ultraflaches Automatik-Manufakturkaliber mit 50 Stunden Gangreserve.
Sportlich in Türkis: Die auf 100 Exemplare limitierte Maestro GC Sport Tennis Light Turquoise von Gerald Charles besitzt ein besonders leichtes Titangehäuse mit Darkblast-Finish und ein ultraflaches Automatik-Manufakturkaliber mit 50 Stunden Gangreserve.

Wir blieben sehr eng verbunden, sprachen miteinander, diskutierten und trafen uns auf der Basler Messe. Unsere Freundschaft war wunderbar. Gleichzeitig baute ich meine Position bei Audemars Piguet auf. Ich gründete die italienische Vertriebsgesellschaft und übernahm später Verantwortung für verschiedene Länder, darunter Spanien, Großbritannien und Deutschland. Wir eröffneten die erste Boutique in der Via Montenapoleone in Mailand. Sie war winzig, nur 35 Quadratmeter groß. Und wir erreichten dort einen Umsatz von 50 Millionen. Verrückt, wirklich verrückt! Die Verbindung zu Gérald blieb während all dieser Jahre bestehen.

Während Sie bei Audemars Piguet Karriere machten, begann Genta mit Gerald Charles noch einmal neu. Was trieb ihn dazu an?

Nachdem Gérald seine frühere Firma verkauft hatte, wollte er sich eigentlich zurückziehen und Möbel gestalten. Aber das konnte nicht funktionieren. Er war ein Künstler, ein schöpferischer Mensch – er konnte gar nicht aufhören. Also gründete er eine neue Marke. In einem der ersten Prospekte schrieb er sinngemäß: «Ich mache das aus Leidenschaft, nicht wegen des Geldes.» Das sagt viel über ihn. Nur: Leidenschaft allein macht ein Unternehmen noch nicht wirtschaftlich erfolgreich. Nach etwa einem Jahr brauchte er Unterstützung und rief mich an: «Franco, hilf mir.»

Wie konnten Sie ihm neben Ihrer Tätigkeit bei Audemars Piguet helfen?

Ich war für Europa verantwortlich, deshalb war das schwierig. Aber ich sah die Chance, und vor allem war Gérald mein Freund. Also sprach ich mit meinem Bruder. Er kam aus dem Vertrieb und Marketing und brachte 20 Jahre Berufserfahrung mit. Er begann, für Gerald Charles zu arbeiten. Den Sitz verlegten wir nach Lugano. Warum Lugano? Ich lebte in Mailand und konnte in 45 Minuten dort sein. So konnte ich verfolgen, was im Unternehmen geschah.

Aus dieser Unterstützung wurde schließlich die Übernahme durch Ihre Familie. Wie kam es dazu?

Nach ungefähr zwei Jahren kam Gérald zu mir und fragte: «Willst du die Firma kaufen?» Ich fragte zurück: «Und was machst du dann?» Er sagte: «Ich arbeite mit dir.» Das hat mich tief berührt. Gérald hatte sein Leben lang selbstständig gearbeitet. Nun verkaufte er mir die Firma, die er aus Leidenschaft gegründet hatte, und wollte weiter mit uns arbeiten. Wenn ich heute darüber spreche, werde ich noch immer emotional.

Wir kauften die Firma und arbeiteten bis zu seinem Tod 2011 zusammen. Er schuf Tausende von Entwürfen. Wir besitzen, glaube ich, mehr als 2000 Zeichnungen von Uhren, Uhrwerken und anderen Ideen.

Sie bewahren bis heute einen großen Bestand seiner Zeichnungen. Welche Geschichte steckt hinter dem charakteristischen Maestro-Gehäuse?

Die Inspiration war die Kirche San Carlo alle Quattro Fontane in Rom, entworfen von Francesco Borromini, der aus Bissone im heutigen Tessin stammte. Gérald liebte diese Verbindung zwischen Italien und der Schweiz. Er selbst hatte einen Vater aus dem Piemont und eine Schweizer Mutter.

Wir haben noch viele weitere Gehäuseentwürfe. Gérald konnte alle zwei Tage ein neues Gehäuse zeichnen. Das ist ein großer Schatz und eine ständige Quelle der Inspiration.

Wie ging es mit der Marke nach Gentas Tod weiter, und wann kam Ihr Sohn Federico ins Unternehmen?

Mein Bruder nutzte weiterhin einige der Entwürfe, um individuelle Stücke anzufertigen. Das ging so weiter, bis mein Sohn Federico dazukam. Er war 23, hatte in London an einer Business School unter anderem Finanzwirtschaft studiert. Eines Tages kam er nach Lugano, sah die Uhren und die Entwürfe und fragte: «Darf ich anfangen?» Mein erster Gedanke war: Das wird eine Katastrophe. Heute bin ich ehrlich gesagt sehr stolz. Er hat etwas Bedeutendes geschaffen und das Erbe bewahrt, für das ich stehe. Federico ist die Zukunft.

Die Marke Gerald Charles wird von Familie Ziviani geleitet: (v.l.) Giampaolo Ziviani, ehemaliger Geschäftsführer, sein Bruder Franco Ziviani, Chairman, sowie dessen Sohn Federico Ziviani, der als CEO fungiert.
Die Marke Gerald Charles wird von Familie Ziviani geleitet: (v.l.) Giampaolo Ziviani, ehemaliger Geschäftsführer, sein Bruder Franco Ziviani, Chairman, sowie dessen Sohn Federico Ziviani, der als CEO fungiert.

Ihre erste Reaktion war Skapsis. Lag das an der Aussicht, als Vater und Sohn zusammenzuarbeiten?

Nein. Ich sagte ihm: «Gut, das ist deine Sache. Hilfe von deinem Vater gibt es nicht.» Er studierte die Entwürfe und die Uhrwerke. Dann nahm er das Maestro-Gehäuse, das Gérald ursprünglich für komplizierte Uhren vorgesehen hatte, und setzte es für eine Stahluhr mit einem normalen Automatikwerk ein. Zum zwanzigjährigen Bestehen des Unternehmens brachte er eine Sonderedition mit 250 Exemplaren heraus. Das war während der Pandemie.

Wie wurde aus dieser Jubiläumsedition der Neustart von Gerald Charles?

Die Uhren wurden online angeboten, für 10.000 Euro pro Stück. Sie waren ausverkauft. Ein großer Erfolg. Damit finanzierte Federico das Unternehmen, denn ich hatte ihm kein Geld gegeben. Zugleich baute er eine Community auf. Während der Pandemie waren die Menschen zu Hause. Es ging nicht nur darum, Uhren zu kaufen, sondern auch darum, sich auszutauschen und Teil dieser Gemeinschaft zu sein.

Dann gingen die Mitglieder zu ihren Händlern und fragten: «Kennen Sie Gerald Charles?» Daraufhin begannen die Händler, Federico anzurufen. Einer der ersten war Seddiqi in Dubai. Heute sind wir dort die führende unabhängige Marke.

Ihre Geschichte mit Gérald Genta reicht vom Einstieg in die Uhrenbranche bis zur heutigen Arbeit mit Ihrem Sohn. Was bedeutet Ihnen dies persönlich?

Ich bin durch Gérald in die Uhrenwelt gekommen. Natürlich habe ich danach meinen eigenen beruflichen Weg gemacht. Aber am Ende kehre ich zu Gérald zurück. Das ist für mich persönlich das Wichtigste. Sein Erbe ist eine Verantwortung, die ich respektiere.

Das Interview führte Iris Wimmer-Olbort

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