Klassische Chronographen

Der Trick mit dem Dreh

«Moment der Wahrheit» heißt das erste und bislang einzige Uhrenmodell der jungen Schweizer Uhrenmarke Oscillon. Gegründet wurde sie von zwei jungen Uhrmachern, die am liebsten alles so machen wie ihre Großväter.
Seltener Boma-Chronograph mit dreh- barer Lünette zum Einstellen der Kalender- anzeigen.

Nach zaghaften Versuchen in den 1930er Jahren hatten die ersten Hersteller zu Beginn der 1940er Jahre die Kombination von Chronograph und Kalenderfunktionen im Griff. Angelus brachte 1942 den Chronodato, Universal im selben Jahr den raren Dato-Compax und 1943 den Tri-Compax. Beide Firmen waren unabhängige Manufakturen und nicht von der Ebauches SA abhängig.

Angesichts des großen Erfolgs der genannten Modelle kann man sich unschwer die langen Gesichter bei Breitling, Heuer, Doxa, Le Phare, Léonidas oder Record vorstellen, die keine eigenen Werke produzierten. Sie übten deshalb ordentlich Druck auf ihren Zulieferer Ebauches SA aus, um ebenfalls Chronographen mit Kalenderfunktionen ins Sortiment aufnehmen zu können.

Die Antwort kam spät, aber umfassend: Das erste Chronographenwerk mit Vollkalender von Ebauches SA war 1946 das Valjoux Kaliber 72C, gefolgt vom Kaliber 88 im Folgejahr.

Kurz darauf kamen auch andere Hersteller aus dem «Rohwerke-Trust» mit ihren Konstruktionen auf den Markt: Venus und Landeron brachten 1948 nicht weniger als 13 neue Kaliber heraus, gefolgt von weiteren zehn im Jahr 1950.

Nun standen alle möglichen Anzeige-Kombinationen zur Verfügung: Datum, Wochentag, Monat und Mondphasen im Fenster, aber auch Zeigerdatum aus der Mitte oder mit Skalenfeld bei der «6». Bei Vénus kombinierte man sogar den Schleppzeiger-Chronographen mit einem Vollkalender.

Außenseiter mit Ideen

Die Rohwerkefabrik Landeron überraschte die Branche mit einem praktischen System zur Einstellung der Kalenderfunktionen über eine drehbare Lünette. Dadurch entfielen die unschönen Korrekturdrücker in den Gehäuseflanken.

Nicht weniger als fünf verschiedene Landeron-Kaliber wurden mit diesem Verstellmechanismus angeboten: ab 1948 die Kaliber 58 und 59 sowie ab 1950 die Kaliber 10, 56 und 57.

Sie alle hatten ein Zeigerdatum bei der «6» sowie Wochentag und Monat als Fensteranzeigen unter der «12». Eine Mondphase gab es nicht. Die Kaliber 58 und 59 hatten einen Durchmesser von 13 ¼ Linien (31 mm), die Kaliber 56 und 57 sogar von 14 Linien (31,8 mm), nur das Kaliber 10 blieb mit 13 Linien (29,25 mm) unter 30 Millimetern und verfügte dazu als einziges über eine Schaltradsteuerung. Alle genannten Uhrwerke waren auch mit konventionellen Korrekturdrückern erhältlich.

Die Skizze zeigt die Betätigung der Schaltsterne über die Drehlünette bzw. ihre Mitnehmer und in der Platine gelagerte Schwenkhebel.

Diese Kaliber wurden nur ungefähr fünf Jahre lang gebaut (bis 1955) und sind entsprechend selten.

Nur wenige Uhrenmarken verwendeten sie, darunter Boma, die Fabrikmarke von Georges Weill aus La Chaux-de-Fonds, und Titus in Sonvilier. Titus war die Schwestermarke von Solvil, die in den 1920er Jahren die Geschäfte des berühmten Chronometermachers Paul Ditisheim übernommen hatte. Es sind auch einige nicht signierte Chronographen bekannt, die auf dem Zifferblatt die Bezeichnung «Chronographe Suisse» tragen.

Der Blick auf den Kalendermechanismus unter dem Zifferblatt zeigt den Unterschied in der Korrektur per Drücker und Drehlünette: Während die Korrekturdrücker direkt auf die Schaltsterne von Datum, Wochentag und Monat einwirken, überträgt ein Mitnehmer an der Innenseite der Drehlünette die Bewegung an kleine Schwenkhebel.

Expertentipp

Werbeanzeige der Marke Bovet aus dem Jahr 1935

Diese technisch interessanten Chronographen sind heute schwer zu finden, und wenn, dann in einem schlechten Zustand. Die Uhrwerke waren nicht für Uhren im oberen Preissegment bestimmt, sondern wurden oft in preiswerte vergoldete oder verchromte Gehäuse eingeschalt. Diese waren in den seltensten Fällen wasserdicht, und auch die billigen Zifferblätter altern unschön.

Hochwertige Golduhren mit Kalender-Korrektor in der Drehlünette sind überaus selten. Bisweilen findet man Exemplare mit «Index Mobile» und Drehlünette, doch ist die raffiniert simple Schleppzeigertechnik fast immer später nachgerüstet.

Die Marke Dubey & Schaldenbrand hat in den 1990er Jahren nämlich zwei Index-Mobile-Modelle auf der Basis des Landeron Kalibers 56 neu aufgelegt, limitiert auf 100 Exemplare in Stahl und 50 in Gold. Für Sammler besonders wertvoll sind Chronographen mit dem Landeron Schaltradkaliber 10, aber diese sind sehr, sehr selten!

Text und Bilder: Joël Pynson und
Sébastien Chaulmontet

Die Informationen und Bilder in diesem Artikel stammen z. T. aus dem Buch Chronographs for Collectors von Joël Pynson und Sébastien Chaulmontet (232 Seiten, 400 Illustrationen). Zu beziehen über Time To Tell, Toulouse (F), unter www.time2tell.com für 145 Euro zzgl. Porto und Verpackung
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