Luxus-Taucheruhren

Einfach mal blaumachen

Wenn eine Taucheruhr, die ja ursprünglich als Instrument konzipiert wurde, den feinen Maxe mimt, müssen wir diesem Thema auf den Grund gehen. Wir schauen uns zwei strahlende Taucher genauer an, die Carl F. Bucherer Patravi ScubaTec und die Ulysse Nardin Marine Diver.
Mit Luxus-Taucheruhren Blau machen: Carl F. Bucherer Patravi ScubaTec und Ukysse Nardin Marine Diver.

Nein, Blau ist nicht das neue Schwarz! Diese im aktuellen Sommer immer wiederkehrende Behauptung ist noch nicht mal eine Binsenweisheit, sondern vielmehr sprachlicher Nonsens. Schwarz ist Schwarz und Blau bleibt Blau. Wobei – wenn wir die beiden Probanden dieser Probezeit anschauen, erkennen wir auf Anhieb, wie Uhrendesigner mit Farbtönen spielen und so ganz unterschiedliche gestalterische Schwerpunkte setzen können. Und dabei ganz unterschiedliche Zielgruppen ansprechen: Die dunkelblaue Ulysse Nardin Marine Diver passt eher zu einem Menschen, der sich klassisch kleidet, vielleicht ein ebenso dunkles marinefarbenes Jackett mit Messingknöpfen trägt. Dagegen spricht die knallige Carl F. Bucherer Patravi ScubaTec eher jüngere oder jung gebliebene, sportliche Menschen an.

Erster Eindruck

Martin Häußermann: Nachdem wir in der vergangenen Ausgabe zwei sehr preisgünstige Taucheruhren kleiner Marken gezeigt haben, die den Instrumentenstil der Rolex Submariner aufnehmen, gehen wir nun in eine ganz andere Richtung. Ich habe mich nach feinen Taucheruhren umgeschaut, die sowohl als Marke als auch in ihrem Erscheinungsbild ein wenig Glamour mitbringen. So bin ich bei der Ulysse Nardin Marine Diver und der Carl F. Bucherer Patravi ScubaTec gelandet.

Das hat beim Kollegen Braun zunächst gemischte Gefühle ausgelöst: Ihm erschließe sich die Idee hinter luxuriösen Taucheruhren mit polierten Zifferblattelementen und glänzenden Farbflächen nicht, argumentierte er. Für den professionellen Einsatz seien sie zu extrovertiert und für die Alltagsgarderobe zu klobig. Er halte sie für «die etwas zu breit geratenen Leichtmetallfelgen der Uhrenbranche». Na ja, sie sind vielleicht ähnlich empfindlich und fordern beim Fotografieren ständig das Putztuch, weil auf den hochglanzpolierten Flächen schnell Fingerabdrücke auftauchen. Aber sonst halte ich persönlich dieses Urteil für hart und ungerecht.

Beim Auspacken der beiden Uhren fürs Fotoshooting finde ich mich in meiner Auswahl bestätigt: Ich halte zwei Uhren in der Hand, die tadellos gemacht sind, viele pfiffige und schicke Details aufweisen und von denen jede für sich einen ganz eigenen Charakter aufweist. Sie sehen nicht aus wie irgendwas anderes. Ich bin gespannt, was der Kollege sagt.

Griffige Schraubkrone, hervorragende Nachtablesbarkeit und eine schön verarbeitete Lünette.
Schön, aber unpraktisch: Zeigerspitzen und Stundenmarker der Marine Diver haben das selbe Design. Das stört die Ablesbarkeit.

Peter Braun: Ui, das ist aber mal ein Blau …! In der Tat finde ich die von Carl F. Bucherer gewählte kräftig hellblaue Farbe für das Zifferblatt und das erste Viertel der Lünettenskala der Patravi ScubaTec ziemlich gewagt. Aber nach ein paar Tagen hatte ich mich an das strahlende Blau gewöhnt und muss zugeben, dass es auf einem sommerlich gebräunten Unterarm ganz gut aussieht. Die Leute schauen jedenfalls hin und wiederholen meinen Spruch: «Ui, das ist aber mal ein Blau …!»

Wie dem auch sei: Wer gar nicht mit der Farbe zurechtkommt, kann sich die ScubaTec auch in Schwarz kaufen. Unabhängig davon gilt nämlich, dass die Uhr einen sehr sauber verarbeiteten Eindruck macht und zusammen mit dem montierten Edelstahlband fast 250 Gramm auf die Briefwaage bringt.

Die Kantigkeit des Uhrengehäuses verleiht ihm Präsenz und ermöglicht eine «technische» Oberflächenbearbeitung mit Flachschliffen und rasiermesserscharfen Kanten. Allerdings bilden die ebenfalls kantig ausgeführten Anbauten – der geschraubte Kronen-Flankenschutz und der Heliumventilkörper bei der «8» – jede Menge Schmutzecken. Auch die strichgeschliffenen Flächen der Bandanstöße und mittleren Bandglieder sind im Alltag schwer sauber zu halten.

Das Gehäuse der Ulysse Nardin Marine Diver ist ein Traum in poliertem Edelstahl mit konkaven Flanken und angedeutetem Kronen-Flankenschutz. Ein ausgefallenes Detail ist die verschraubte Plakette an der linken Gehäuseseite mit der Seriennummer der Uhr, auch wenn sie für mein Empfinden die sinnliche Rundung der Gehäuseflanke stört.

Die Krone trägt hübsch anzuschauende blaue Kautschukeinlagen, fühlt sich dadurch aber irritierend weich an – und griffiger als eine ordentlich profilierte Ganzstahlkrone ist sie auch nicht. Die Verschraubung hat ein beruhigend langes Gewinde und benötigt fast zwei Umdrehungen bis zum wasserdichten Festsitz.

Das Zifferblatt ist wunderschön ausgestaltet mit fein geprägter Zifferblattstruktur, aufgesetzten und geschliffenen Skalenkreisen und Stundenmarkern mit Leuchtmasse-Einlagen sowie aufgesetztem Logo-Anker und ins Glas eingeschliffener Lupe über dem Datumsfenster. Das Spiel mit den blank polierten Flächen und Facetten ist allerdings der Ablesbarkeit ebenso abträglich wie die teilweise skelettierten Zeiger, deren Spitzen dieselbe Form und Ausstattung haben wie die Stundenmarker und sich beim flüchtigen Hinsehen nicht deutlich genug von diesen abheben. Das Datum liegt sehr tief im Werk, weil das Modul für Gangreserveanzeige und Kleine Sekunde zifferblattseitig montiert ist.

Tragegefühl

Eine massive Faltschließe mit seitlicher Druckknopfentriegelung und Feinverstellung sorgt für sicheren Sitz.
Sehr schön verarbeitete Faltschließe, allerdings ohne Möglichkeit zur Feinverstellung.

PB: Selten habe ich ein so gut gemachtes, klapperfreies und anschmiegsames Gliederband gesehen wie das der Patravi ScubaTec. Auch die Faltschließe ist supermassiv gearbeitet und funktioniert mit hoher mechanischer Präzision. Gleichzeitig sorgt sie mit ihrer Breite und dem hohen Gewicht für eine gute Balance der Uhr am Handgelenk. Dank verschieden langer Glieder lässt sich das geschraubte Band millimetergenau auf jeden Handgelenkumfang kürzen und außerdem über die verschiebbare Schließenmechanik feinjustieren.

In puncto Ablesbarkeit gibt sich die bis 500 Meter wasserdichte Taucheruhr keine Blöße. Zeiger und Stundenmarker sind markant gestaltet und leuchten bei Dunkelheit kräftig nach. Bei Tag unterstützt der Kontrast zum blauen Zifferblatt die Ablesbarkeit. Die Lünette ist griffig und dreht sich satt und geschmeidig mit dem richtigen Widerstand. Die Krone ist mit einem langen Gewinde (fast drei Umdrehungen) mit dem Tubus verschraubbar und greift mit der eingefrästen und lackierten Nut das Farbthema von Lünette und Zifferblatt wieder auf.

Das Kautschukarmband der Ulysse Nardin zentriert die Uhr dank der beiden an der ergonomisch richtigen Stelle eingefügten Metallglieder sauber auf dem Armrücken und trägt sich relativ angenehm (hatte ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich Kautschukbänder nicht besonders mag …?). Die hochwertige, aus dem Vollen gearbeitete Faltschließe mit seitlicher Druckknopfentriegelung hat allerdings die Tendenz, Armhärchen und Hautfalten einzuklemmen, und fiel mir dadurch mehrmals am Tag unangenehm auf. Wenn ich das Band lockerte, rutschte die schwere Uhr seitlich aus der Mittellage – auch unangenehm.

Die Drehlünette ist sehr schön gearbeitet mit abgeschrägter Fläche und reliefartig hervorstehenden Zehnerfeldern und – so will es die Taucheruhren-Norm – einzeln indizierten 15 Minuten. Die überschliffenen Flächen von Indexstrichen und -flächen heben sich sehr schön von der tiefblau eingefärbten Wellenstruktur im Guillochierstil ab. Die Rasterung (in 60 Schritten) ist recht stramm eingestellt und erfordert großen Kraftaufwand beim Verdrehen.

MH: Recht hat er, der Kollege: Das Edelstahlband und erst recht die Schließe der Patravi ScubaTec sind eine Wucht. Besser habe ich es auch bei deutlich teureren Uhren nicht gesehen. Weil die Bandglieder geschraubt und auch noch verschieden lang sind, muss man zwecks Längenanpassung nicht zum Uhrmacher gehen. Mit einem feinen Schraubendreher und etwas handwerklichem Geschick lässt sich das auch zu Hause erledigen.

Eigentlich hatte ich die Uhr ja zwecks Vergleichbarkeit mit einem Kautschukband geordert. Doch entweder sind die Verantwortlichen bei Carl F. Bucherer so stolz auf dieses Band, dass sie es uns unbedingt schicken mussten, oder sie haben dank aufmerksamer Lektüre unserer Zeitschrift von der Aversion des Kollegen Braun gegen Kautschukbänder erfahren (ja, er hat es schon mehrfach erwähnt). Aber bei der Ulysse Nardin musste der liebe Peter da einfach durch, denn für die Marine Diver gibt es ab Werk nur dieses eine Kautschukband.

Es ist schön gemacht, auch mir gefallen die integrierten Metallelemente sehr gut, die Längenanpassung ist allerdings fummelig und außerdem irreversibel. Hat man das Band einmal mit dem scharfen Messer abgeschnitten, lässt sich nichts mehr hinzufügen. Deshalb muss man hier behutsam vorgehen und lieber ein Segment weniger abschneiden als eins zu viel. An den beiden Hälften der Doppelfaltschließe lassen sich noch verschiedene Positionen für die Federstege wählen. Das dient der Feinjustierung, ist aber, wie gesagt, etwas fummelig. Ich habe an der Bequemlichkeit der Schließe nichts auszusetzen, doch dürfte diese in Anbetracht des wirklich sportlichen Preises der Uhr schon eine integrierte Feinverstellung haben.

 Technik, Ausstattung & Gang

Das Werk der Patravi ScubaTec: schön finissierte ETA-Technik mit indviduellem Rotor.
Das Werk der Marine Diver: Individueller Rotor auf einem ETA-Grundwerk. Der Modulaufbau für kleine Sekunde und Gangreserveanzeige liegen unter dem Zifferblatt.

 MH: Obwohl wir es mit zwei Manufakturmarken zu tun haben, gehen beide Uhren mit ETA-Automatikwerken aus der Großserie an den Start. Ulysse Nardin verwendet, obgleich man mit dem UN-320 ein geeignetes eigenes Werk hätte, ein ETA Kaliber 2892-A2, auf das ein Modul für die Gangreserveanzeige und die Kleine Sekunde draufgesetzt wurde. Dieses Uhrwerk mit knapp 26 Millimetern Durchmesser verliert sich fast in dem riesigen 44-Millimeter-Gehäuse und muss von einem massiven, mit Perlschliffen verzierten Werkhaltering zentriert werden. Selbst gemacht ist lediglich der mit dem Markenlogo gravierte Rotor. Etwas mehr dürfte es für den geforderten Preis von 7900 Euro schon sein. Auch wenn es hinter einem mit sechs kleinen Schräubchen befestigten Stahlboden versteckt ist.

Auch Carl F. Bucherer hat im Portfolio ein Manufakturwerk, das in die Patravi ScubaTec passen würde. Allerdings hat das Kaliber CFB A2050 mit dem ums Uhrwerk laufenden Peripherrotor nicht die gewünschte Zentralsekunde. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, das Manufakturwerk ist schließlich noch jung und hat auf jeden Fall Entwicklungspotenzial.

Hier und jetzt setzt Carl F. Bucherer bei seiner Taucheruhr jedoch auf ein chronometergeprüftes ETA Kaliber 2824-2, das mit einer gravierten Automatikbrücke und einem eigenen Rotor veredelt wurde. Auch hier ist ein Werkhaltering vonnöten, auch hier hält ein Stahlboden, der mit einem Zentralgewinde verschraubt ist, die Blicke des Betrachters fern von der Mechanik.

Auf unserer Zeitwaage Witschi Chronoscope S1 liefen beide Uhrwerke wie eine Eins und zeigten keine unüblichen Lagenfehler: Auf dem Monitor waren nur bolzengerade Striche zu sehen. Allerdings wiesen die bei der Patravi ScubaTec nach unten, war sie doch leicht ins Minus reguliert. Der gemessene Durchschnittswert von -4,2 Sekunden am Tag (s/d) veränderte sich auch beim Tragen kaum. Bei mir lief die Uhr stabil bei -4 s/d. Das lässt sich durch leichtes Nachregulieren problemlos beheben.

Die Marine Diver dagegen lief mit durchschnittlich +3,5 s/d auf der Zeitwaage, bei Peter Braun mit +4 s/d am Arm. An meinem Arm lief sie zunächst stabil mit +3 s/d, machte am dritten Tag auf einmal einen Sprung von 5 s nach vorn. Worauf das zurückzuführen ist, kann ich allerdings nicht nachvollziehen.

Fazit

PB: Bei dem Ulysse Nardin Kaliber UN-26 handelt es sich um ein aufgerüstetes ETA-Grundwerk. Für eine derart ausgestattete Uhr mit Edelstahlgehäuse und Kautschukband 7900 Euro zu verlangen, ist schon ziemlich selbstbewusst – auch wenn die Uhr noch so schön verarbeitet und finissiert ist. Für 5450 Euro ist die Patravi ScubaTec auch nicht gerade ein Sonderangebot, aber im Vergleich mit den im letzten Heft untersuchten Submariner-Lookalikes aus dem unteren Preissegment deutlich näher am Vorbild mit dem Krönchen.

MH: Was die Preisgestaltung von Ulysse Nardin anbelangt, schließe ich mich aus den genannten Gründen meinem Vorredner an. An der Qualität der Uhr, ihrer Verarbeitung und vor allem ihrem detailreichen Zifferblatt gibt es wirklich nichts zu deuteln, eine wunderschöne Uhr. Aber weil mir bei einer Sportuhr Ablesbarkeit wichtig ist und kantige, markante Designs eher mein Fall sind, würde meine Wahl auf die ScubaTec fallen. Ich finde dieses Blau nämlich wunderbar.

Text: Martin Häußermann, Peter Braun

Bilder: Martin Häußermann

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