55 Jahre TAG Heuer Carrera

Benzin im Blut

Kaum ein Uhrenhersteller ist so nah am Motorsport dran wie TAG Heuer. Einen wichtigen Grundstein legte 1963 der damalige Chef Jack William Heuer mit der Heuer Carrera, benannt nach dem Straßenrennen Carrera Panamericana. Der 55. Geburtstag der Carrera ist ein willkommener Anlass, die spannende Modellgeschichte Revue passieren zu lassen.
Das gemeinsam mit anderen Uhrenherstellern entwickelte Kaliber 11 feierte bei Heuer unter anderem in der Carrera Premiere.

Die Geschichte der Carrera beginnt eigentlich schon im Januar 1962. Da war Jack William Heuer zu Gast bei den 12 Stunden von Sebring, einem Auto-Langstreckenrennen. Der veranstaltende Sports Car Club of America (SCCA) hatte den damaligen Leiter der US-Niederlassung von Heuer nach Florida eingeladen, denn schließlich hatte er dem Club ein Dutzend Heuer-Stoppuhren mit Schleppzeigerfunktion leihweise zur Verfügung gestellt, wodurch Heuer der offizielle Zeitnehmer dieser Veranstaltung war. «Dort und zu dieser Zeit dämmerte mir, dass diese Sorte Rennsport-Enthusiasten eine natürliche Zielgruppe für Heuer war», erinnert sich Jack Heuer in seinen Memoiren. Dort beschreibt er auch das Zusammentreffen mit der mexikanischen Rennsportfamilie Rodriguez, die ihm abenteuerliche Geschichten von der Carrera Panamericana erzählte: «Tatsächlich hörte ich in Sebring das erste Mal das spanische Wort Carrera. Ich liebte nicht nur den sexy Klang, sondern auch seine unterschiedlichen Bedeutungen. Es steht für Straße, Rennen, Rennstrecke und Karriere. Das war alles Heuer-Territorium.»

Zieleinlauf bei der Carrera Panamericana, dem Straßenrennen, das dem Uhrenklassiker als Namenspate diente.
Als Jack Heuer wieder zu Hause in der Schweiz war, ließ er den Namen «Carrera» umgehend für Uhren schützen. Der Ingenieur, der ein Jahr zuvor Mehrheitsaktionär von Heuer geworden war, schreibt in seiner Autobiografie: «Ich hatte nun effektiv die Zukunft des Unternehmens in meinen Händen, war damit verpflichtet, neue Produkte zu entwickeln, und entschied, dass das nächste Produkt, das ich machen würde, Carrera heißen sollte.» Und bei einer so auf Kurzzeitmessung spezialisierten Firma wie Heuer konnte es nur ein Chronograph sein.

Der Trick mit dem Rehaut

Während seines Ingenieursstudiums wuchs Jack Heuers Interesse an modernem Design, er entwickelte sich zu einem großen Fan der Designer Charles Eames und Le Corbusier. Das wirkte sich nahezu zwangsläufig auf die Gestaltung des neuen Chronographen aus. Beste Funktionalität, klare Formen und gute Ablesbarkeit waren die wichtigsten Kriterien. Dabei kam Heuer eine technische Neuentwicklung zugute: ein Armierungsring, der die zu dieser Zeit üblichen Plexigläser von innen an das Gehäuse presste.
Dadurch ließ sich nicht nur die Wasserdichtheit verbessern: Jack Heuer ließ diesen angeschrägten Ring auch mit einer zur Frequenz des Uhrwerks – ein Valjoux Kaliber 72 – passenden Fünftel-Sekunden-Skala bedrucken und machte ihn so zu einem Teil des Zifferblatts. Abgesehen davon, dass das einst flache Zifferblatt nun eine dreidimensionale Komponente erhielt, vergrößerte sich auch seine «Schau» – die Uhr wirkte größer, obwohl sie in ihren Dimensionen nicht wuchs.
Noch immer diskutieren Uhrenfans über das Geburtsjahr der Carrera. Selbst Jack W. Heuer war sich nicht immer sicher, ob es nun 1963 oder 1964 gewesen sei. Zwei amerikanische Chronographensammler entdeckten eine Carrera, deren eingravierte Seriennummer das Produktionsjahr 1963 bestätigt, auch wenn die Uhr wohl erst im Folgejahr in den Handel gelangte. Diese Erinnerungslücke muss man dem Grandseigneur der Sportzeitmessung aber nachsehen. Schließlich prägte das Jahr 1963 ein für ihn viel wichtigeres Ereignis: Er lernte die Frau seines Lebens kennen und heiratete sie.

Erfolg auf ganzer Linie

Nicht nur diese Ehe, sondern auch die Carrera war ein Erfolgsmodell und trug maßgeblich zum Umsatzwachstum bei, sodass Heuer 1964 den Wettbewerber Leonidas übernahm. Die Carrera avancierte zum Technologieträger: 1965 war sie der erste Chronograph mit digitaler Datumsanzeige, und am 3. März 1969 feierte sie als erster marktfähiger Schweizer Automatikchronograph Premiere. In ihr tickte das heute legendäre Kaliber 11.

Das Kaliber 11 war das erste Automatik-Chronographenwerk, das in Serie ging.
Dieses Uhrwerk war eine Gemeinschaftsentwicklung von Heuer-Leonidas, Breitling, Hamilton-Büren und Dubois-Dépraz. Von Büren stammte das Basiswerk mit Mikrorotor-Aufzug, Dubois-Dépraz konstruierte das Chronographenmodul und das patentierte Heuer-Schwingtrieb sorgte für die Verbindung zwischen Motor und Stoppmechanismus. Heuer rüstete nicht nur die Carrera, sondern auch die Autavia und die rechteckige Monaco mit diesem Werk aus. Partner Breitling startete mit dem Chronomat. Zenith hatte zwar schon zuvor über sein neues Automatik-Chronographenwerk berichtet und nannte es deshalb auch «El Primero» («der Erste»), auf den Markt kamen Zenith und Partner Movado aber erst einige Zeit später.
Doch während Zenith das El Primero bis heute baut, verschwand das Kaliber 11 ebenso wie sein Nachfolger Kaliber 12 und dessen Varianten mit den Nummern 14 und 15 in den frühen 1980er Jahren vom Markt. Da wurde es auch um die Carrera still. Die «Quarzkrise», welche die gesamte Schweizer Uhrenindustrie in Mitleidenschaft zog, traf auch Heuer hart ‒ mit der Folge, dass 1985 das international agierende Unternehmen Techniques d’Avant-Garde den Uhrenhersteller kaufte, der fortan unter TAG Heuer firmierte. Dort setzte man lange auf vermeintlich modernere Modelle wie die Serie 2000, S/el (für «Sport elegant») oder Link.

Zurück zur Mechanik

Nach längerer Pause wurde die Carrera im Jahr 1996 wieder ins Programm genommen – und in drei Zifferblattvarianten angeboten.

Als die Renaissance der Mechanik und der klassisch gezeichneten Armbanduhr unübersehbar war, ließ TAG Heuer die Carrera 1996 wiederaufleben und gab damit den Startschuss für die sogenannte Classics-Linie. Um der Neuauflage dieselbe charakteristische Zifferblattaufteilung wie der Ur-Carrera zu geben, wählten die Entwickler in La Chaux-de-Fonds als Antrieb das Kaliber 1873 von Nouvelle Lémania, schenkten der Uhr wieder ein Hesalitglas (Plexiglas) und versahen das Zifferblatt mit dem alten Heuer-Logo – ohne TAG.
Es wurde eine Sammleruhr ohne Fehl und Tadel. Für den Alltagsgebrauch jedoch musste wieder eine Automatik her, weshalb die Carrera bald das ETA 2894-2 (von TAG Heuer als Calibre 17 bezeichnet) als Motor bekam – und obendrein noch ein kratzfestes Saphirglas.
Vom Erfolg des Chronographen motiviert, erweiterte TAG Heuer im Herbst 2001 die Carrera-Linie mit der schlichten Dreizeigeruhr Carrera Automatic und deren Schwestermodell Carrera GMT Automatic, das über einen zusätzlichen 24-Stunden-Zeiger für eine zweite Zonenzeit verfügte. Zwei Jahre später erhielt diese Uhr ein neues Zifferblatt und wurde nach altem Vorbild nun wieder Twin-Time genannt.
Der nächste Meilenstein der Carrera-Geschichte wurde 2010 auf der BASELWORLD vorgestellt: TAG Heuer wollte Manufaktur werden und präsentierte die Carrera mit dem Chronographenwerk Kaliber 1887, dessen Konstruktion auf dem Seiko Kaliber 6S37 basiert. Das ist an sich kein Malheur, gilt dieses Werk unter Kennern doch als hervorragend, aber das offensive Marketing von TAG Heuer («100-prozentiges Manufakturwerk») sorgte bei Wettbewerb und Kundschaft zunächst für Irritationen. Bei alledem gilt es aber festzustellen, dass dieses Uhrwerk mit 50 Stunden Gangreserve ein hervorragender Antrieb mit ausgezeichneten Gangeigenschaften ist. Es wurde in den folgenden Jahren vor allem optisch weiter verändert und feierte 2015 als Kaliber Heuer 01 wiederum in der Carrera Premiere.

Ausflug in die Hochfrequenz

Der Bullhead-Chronograph Carrera Mikrogirder (1/10.000-Sekunden-Stoppgenauigkeit) war in erster Linie ein Ausweis der eigenen technischen Kompetenz.

TAG Heuer und die Entwicklungsabteilung mit Mastermind Guy Sémon sind immer wieder für Überraschungen gut – und präsentieren diese ziemlich oft im Gewand einer Carrera. Dazu gehören die Ultra-Hochfrequenz-Chronographen Mikrograph, Mikrotimer, Mikrogirder und Mikropendulum, die zwischen 2010 und 2013 vorgestellt wurden. Mit diesen Uhren konnten Stoppgenauigkeiten von einer Hundertstel- bis zu einer Zehntausendstelsekunde realisiert werden – rein mechanisch!
Während die meisten Modelle in kleinsten Stückzahlen montiert und an Sammler weitergereicht wurden, schaffte es die Carrera Mikrograph 100 in die Serienproduktion. Sie durfte von sich behaupten: «Ich bin zwei Uhren.» Tatsächlich waren hier auf einem Werkgestell zwei komplette Uhrwerke montiert – mit zwei getrennten Räderwerken, zwei Unruhen und zwei Federhäusern. Für die Uhrzeit war ein konventionelles Automatikwerk zuständig, dessen Unruh mit branchenüblichen 4 Hz arbeitete. Zum Stoppen diente ein Chronographenwerk, dessen Unruh mit 360.000 Halbschwingungen (50 Hz) oszillierte, weshalb man mit ihr aufs Hundertstel genau stoppen konnte. Heute feiert diese Technik bei der Konzernschwestermarke Zenith unter der Bezeichnung Defy El Primero 21 fröhliche Urständ.
Nachdem Jean-Claude Biver die Führung der Uhrensparte im LVMH-Konzern übernommen hatte, war für TAG Heuer nämlich bald Schluss mit solchen Hightech-Konzepten. Der neue Boss wies TAG Heuer eine Rolle zu, die mit «erreichbarem Luxus» charakterisiert wurde – eine Rolle, die der Carrera eigentlich von Anfang an gut stand. Prompt präsentierte Guy Sémon 2016 in Basel die Carrera 02T, einen Chronographen mit Tourbillon. Technisch eine kleine Sensation, in der Preisgestaltung eine ganz große: 14.300 Euro stand auf dem Preisschild zu lesen. Kein Preisbrecher, sondern ein ganz normal kalkuliertes Produkt, betonte Sémon. Die Basis für das Kaliber Heuer 02T war das selbst entwickelte Kaliber CH 80, das eigentlich schon 2013 fertig war, aus unternehmenspolitischen Gründen jedoch zunächst auf Eis gelegt wurde.

Bezahlbarer Luxus

Zum 55. Geburtstag spendiert TAG Heuer der Carrera nun das Manufakturwerk Heuer Calibre 02, das sowohl durch das Sichtfenster im Boden als auch durch das durchbrochene Zifferblatt sichtbar wird.

Zu ihrem 55. Geburtstag bekommt die Carrera nun das Chronographenkaliber Heuer 02 spendiert und zeigt dies nicht nur durch den Glasboden, sondern auch durch ein durchbrochenes Zifferblatt. Aufmerksame Leser erinnern sich: Da war doch was? Genau! Dieses ebenfalls auf dem Kaliber CH 80 basierende Uhrwerk, das mit strammen 80 Stunden Gangreserve, Schaltrad und dem Heuer-typischen Schwingtrieb aufwarten kann, verrichtet schon in der klassisch gestalteten neuen Autavia seinen Dienst.
Irgendwie hatten wir deshalb wohl auch erwartet, TAG Heuer würde der Carrera zum 55. Geburtstag ebenfalls eine Hommage im Vintage-Stil erweisen, zumal sich damit heutzutage ganz prima Geld verdienen lässt. Aber diesen Gefallen wollte man uns dann offenbar nicht tun, und nun bleibt es jedem Uhrenfreund selbst überlassen, eine Verbindung zwischen der klassischen und der aktuellen Carrera herzustellen.

Text: Martin Häußermann
Bilder: Hersteller, Martin Häußermann

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